Die einen verstanden die Welt nicht mehr, die anderen bemühten die ausgleichende Gerechtigkeit: Der späte 1:1-Ausgleich im Derby zwischen Niegripp und Heyrothsberge hat die Gemüter gespalten.
Von Björn Richter (Volksstimme, 25.03.2025)
Danny Lindenblatt wird bereitwillig seine Brieftasche gezückt und den fälligen Ablass in die Mannschaftskasse gezahlt haben. Doch um mit den Teamkollegen über das Kuriosum einer Gelben Karte ohne Einsatzminute zu feixen, lag die Niegripper Fußballwelt am Sonnabend zu sehr in Trümmern. Matthias von der Weth wiederholte zwar nicht den Fehler seines Schützlings, die Schiedsrichterleistung einer Beurteilung als „lächerlich“ zu unterziehen, doch auch den Trainer führte der erste Weg nach dem Landesklasse-Duell gegen Union Heyrothsberge direkt zu Christoph Blasig. Den Unparteiischen, den die Gastgeber nicht als solchen erkannten: „Erst zeigt er fünf Minuten Nachspielzeit an, dann werden acht daraus. Angeblich will er das mehrfach mitgeteilt haben und begründete dies mit dem Elfmeter und der Verletzungsunterbrechung. Aber davon hat niemand etwas mitbekommen“, schilderte von der Weth und war nach der späten 1:1 (1:0)-Punkteteilung das personifizierte Kopfschütteln seiner Mannschaft.
Denn so lange man vergeblich auf Szenen, die dem Prädikat „Derby“ gerecht wurden, warten musste, überschlugen sich nach Ablauf der regulären Spielzeit die Ereignisse. Allen voran in der letzten Sequenz des Nachmittags, als Marcus Schlüter eine Hereingabe von Karsten Völckel zum Ausgleich für die Gäste einköpfte. Den folgenden Anstoß ließ Blasig nicht mehr ausführen. So glücklich der Punktgewinn aus Union-Sicht also zustande kam, entschuldigen wollten sich die Gäste um Trainer Marcel Gieseler nicht dafür: „Wir mussten uns aufgrund der Platzbedingungen und des Windes schnell vom Ansatz, Fußball spielen zu wollen, verabschieden. Aber zumindest haben sich die Jungs dafür belohnt, dass sie sich in jeden Zweikampf geworfen haben.“
So wirkte der Heyrothsberger Auftritt zwar unterkühlt bis bräsig und die Spieler mit sich sowie den äußeren Umständen beschäftigt. Doch wenn die Niegripper ehrlich zu sich waren, mussten auch sie eingestehen: In die Abhängigkeit vom Ermessensspielraum des Schiedsrichters hätten sie sich nie begeben dürfen. Denn einerseits hatte Niklas Heisinger die 2:0-Vorentscheidung auf dem Fuß, als der bereits entkräftete SG-Linksaußen aus sechs Metern an Keeper Christopher Biegelmeier scheiterte (72.). Andererseits machten sich die Hausherren auch schon einen Tick zu früh daran, Zeit von der Uhr zu nehmen. Dass etwa ihr Torhüter Hendrik Niegengerd in der Nachspielzeit einen Krampf andeutete, war wohl kaum durch Überbeschäftigung zu erklären.
Die Zurückhaltung der Gegenseite hatte aber Gründe. Nicht nur, dass die Einschätzung jedes hohen Balls durch den kräftigen Schiebewind fortgeschrittene Kenntnisse in Wahrscheinlichkeitsrechnung erforderte und den Gästen zunehmend die Lust verdarb. Auch die personellen Möglichkeiten – sieben Wechseloptionen bei der SG Blau-Weiß standen zwei auf Heyrothsberger Seite gegenüber – mahnten dazu, mit den Kräften zu haushalten. Aus taktischer Sicht ergänzte Coach Gieseler: „Ob man es riskieret, den Gegner hoch anzulaufen und dann den Ball hinter die Kette gespielt zu bekommen, ist immer eine Frage der Abwägung. Wir haben uns ja auch angepasst und auf zwei Spitzen umgestellt, um selbst den langen Bällen hinterhergehen zu können.“
Bezeichnend jedoch, dass der erste wirklich gefährliche Vorstoß 92 Minuten Anlauf benötigte, als Völckels Schuss Arturs Beinarovics im Strafraum an den Oberarm sprang. Dass sich Keeper Biegelmeier daraufhin zum Elfmeterpunkt begab und den Versuch an den Pfosten jagte, sorgte unter den 80 Zuschauern am Alten Kanal für Verwunderung bis Häme. Gieseler stellt jedoch klar: „Die jüngsten drei Strafstöße haben wir durch Benjamin Schäfer, Daniel Gropius und Bennet Vogel vergeben. Und ’Biggi’ habe ich im Training noch nicht daneben schießen sehen. Also kein Vorwurf an ihn, dass er sich getraut hat.“ Nur Augenblicke später wären die Gäste fast in die Verlegenheit geraten, einen weiteren Schützen finden zu müssen. Beim Einsatz von Maximilian Kramer gegen Dean-Robbin Taube blieb Blasigs Pfeife jedoch stumm. Die anschließende Behandlungspause von Unions Rechtsverteidiger verschaffte den Gästen aber wohl die entscheidende „Zugabe“.
Dass ausgerechnet der frühere Niegripper Schlüter, der den Alten Kanal 2020 nach zehn Jahren nicht gerade in großer Harmonie verlassen hatte, den Ausgleich besorgte, war eine zusätzliche Pointe. Doch auch so war das Ende aus blau-weißer Sicht schwer verdaulich. Schließlich blieb der bislang couragierteste und fehlerärmste Auftritt nach der Winterpause halbwegs ertraglos. Nach Abschlüssen von Jonathan Kliche und Nico Hennig (26.), hatte Beinarovics nach Heisinger-Freistoß die Hausherren verdient mit 1:0 in Führung geköpft (31.).
Bevor ihr Matchball in der zweiten Hälfte ungenutzt blieb, hatte auch Kramer Unions Keeper per Freistoß zur Glanzparade gezwungen (33.). Und bei aller Bitterkeit lenkte Trainer von der Weth den Fokus auf den positiven Gesamteindruck: „Spaß haben, mutig sein, konzentriert bleiben – alles, was wir seit Wochen predigen, haben die Jungs vor allem in der ersten Hälfte gut umgesetzt. Auch für die anstehenden Aufgaben muss das unser Ziel sein: Den Ball haben wollen und ihn behalten. Dann ist irgendwann die Belohnung fällig.“
Niegripp: Niegengerd – Peseke, Beinarovics, Schuh, Hennig, Sandmann, Armbruster (80. L. Enke), Heisinger (80. Witzel), Kramer, Kliche (90.+3 Kruse), Provenzano (90. Klein)
Union: Biegelmeier – Peukert, Gropius, Taube, Völckel, Kloska, Raue, Schlüter, Westhause, Vogel (68. Adler), Schulze (67. Vorhölter)
Tore: 1:0 Arturs Beinarovics (31.), 1:1 Marcus Schlüter (90.+8)
SR: Christoph Blasig (Uchtspringe); ZS: 65